Rønne / DEN – Bornholm 6 Days vom 13.-19.06.2010 – 613,031 km im ersten Anlauf – v. Christian Hottas

Die ersten Bornholm 6 Days am 13.-19.06.2010 in Galløkken am Ostrand von Rønne / DEN sollten sowohl für Christine Schroeder als auch für mich, Christian Hottas (beide Hamburg), unser erster Einstieg in die 6-Tage-Laufszene werden. Bislang war Christine maximal die rund 240 km des GUCR 2009 und 2010 gelaufen, ich maximal 256,976 km in 48 Stunden (2000) bzw. 400 km Trail in 96:04 Stunden beim ersten Thames Ring Race 250 M 2009.

Wir würden also beide unterwegs – früher oder später – läuferisches Neuland betreten. Dennoch waren wir guter Dinge und fühlten uns mit den bisherigen Marathons und Ultras, darunter dem Grand Union Canal Race 2010 vor gerade einmal zwei Wochen, gut und ausreichend vorbereitet.

Kleine Anmerkung vorweg, um Verwirrung zu vermeiden: Wie immer im Ausland hatte ich für den 100 Marathon Club U.K. gemeldet, während Christine natürlich für den 100 Marathon Club Deutschland startete.

Tag 0 – Samstag, 12.06.2010 – Sonntag 13.06.2010, 12.00 h:

Beide hatten wir als realistisches Ziel ein Ergebnis oberhalb von 500 km angegeben und dabei durchaus weiter in Richtung auf die 600 km (als Traumziel) geblickt.

Beide reisten wir bereits am Freitag an – Christine tagsüber mit ihrem Mann via Ystad, ich abends alleine mit der Nachtfähre von Køge nach Rønne, wobei ich mein Auto jedoch in Køge stehen ließ. So erreichte ich Rønne bereits am Samstagmorgen um 6 Uhr und spazierte entspannt mit Sporttasche, Schuhbeutel, Zelt, Isomatte und kleinem Rucksack die gut 2 km zum Campingplatz Galløkken, wo ich erst einmal mein Zelt aufschlug und in Ruhe bis zum Mittag weiterschlief, obgleich ich doch bereits auf der MF Hammerodde gut geschlafen hatte.

Als Christine und ihr Mann gegen Mittag auftauchten, versetzten wir mein Zelt aus dem Campingplatz heraus direkt neben die Laufstrecke, wo ich kostenlos campieren konnte. Danach besichtigten wir zu dritt Rønne. Nach einem guten Abendessen im Sydhavnet Grill lag ich früh im Bett und schlief so weitere 13 Stunden vor.

Als ich gegen 9 Uhr frisch und munter aus meinem Zelt krabbelte, herrschte um mich herum bereits reges Treiben. Überall wurden weitere Läuferzelte aufgebaut, außerdem wurden im Versorgungszelt, das wir in jeder Runde durchlaufen sollten, die Verpflegungstische aufgebaut, die EDV und die Zwischenergebnis-Projektion installiert.

Nebenan verteilte RD Lene Møller die Startunterlagen. Jeder 6-Tage-Läufer erhielt neben seiner Startnummer einen am Schuh zu befestigenden Chip sowie ein T-Shirt mit der Aufschrift „6 dage BORNHOLM“ und einen Plastikbecher mit seinem Namen.

Tag 1 – Sonntag, 13.06.2010, 12.00 h – Montag 14.06.2010, 12.00 h:

Zusammen mit uns 21 6-Tage-Läufern (gemeldet hatten ursprünglich 27)  starteten zugleich ein gutes Dutzend 6-Stunden-Läufer sowie 17 Marathonläufer, von denen die meisten 7 Marathons während der 7 Kalendertage unseres Laufes bestreiten würden.

Die Laufstrecke bestand aus zwei parallelen Geraden, eine davon auf (teils etwas unebenem, wurzeligem, aber immerhin gefegtem!) Waldboden, die andere auf gutem Asphalt mit zwei Wendeschleifen. Eine Runde hatte vermessene 1032 Meter sowie laut Google Earth 7 Höhenmeter (von 7 auf 14 m NN). Letztere sollten sich bei 600 km also auf rund 4200 (!) Höhenmeter summieren! (Gefühlt waren es noch deutlich mehr!!!)

Christine und ich liefen unser eigenes Renntempo, wollten jedoch, wo und wann es sich anbieten würde, zwischendurch auch immer wieder gemeinsam laufen oder marschieren.

Doch zunächst einmal ging es sehr flott zu: Nach rund 5:35 h hatte ich meinen ersten Marathon hinter mir und gerade einmal sechs Stunden später den zweiten.

Meine Strategie, die ich mir am Vorabend zurecht gelegt hatte, war simpel: Ich wollte an Tag 1 versuchen, mehr als 100 Meilen zu schaffen, und an Tag 2 dann nochmals mindestens 100 km drauflegen und somit meine 10 Jahre alte 48-Stunden-Bestleistung von 256,973 km (Brno/CZE 2000) knacken! Danach wollte ich täglich ausreichend viele Kilometer nachlegen, um am Ende noch oberhalb von 600 km zu finishen.

Sollte irgendwas an diesem Plan fehlschlagen, so würde ich wenigstens die 550 (oder 500) km verteidigen…

Das Wetter war kühl, so um die 15 °C tagsüber und nachts bis auf 6-7 °C abfallend, was mir bei meinem flotten Tempo jedoch gut zupasse kam, weil ich so weniger schwitzte und weniger trinken musste.

An Getränken bevorzugte ich vor allem roten Traubensaft, Kakao und gelegentlich ein Isogetränk. Nachts bestellte ich dreimal Kaffee mit Milch und Zucker, den ich dann auch prompt eine Runde später zugereicht bekam.

Überhaupt: Die Rahmenbedingungen, die uns die RDs Lene Møller und Kim Rasmussen mit ihrem Helferteam boten, waren „1 A“! Die Helfer, die meist selbst erfahrene Marathon- oder Ultraläufer waren, waren super-aufmerksam (allenfalls nachts gab es mal kleine Aufmerksamkeitsdefizite, aber wer hat die dann nicht?); das Verpflegungsangebot mit Kakao, Iso, Wasser, Sprite, Fanta, Traubensaft, später Apfelsaft, gelegentlich Bier, auf Bestellung Kaffee und Tee, dazu Rosinen, Nüssen, Lakritzkonfekt, Weingummis, Chips, Schokolade, Brötchenvierteln mit verschiedenen Wurstsorten, Nutella, Honig und Marmelade (teils fertig, teils zum Selbst-Belegen) war unschlagbar. Hinzu kamen 2-3 warme Mahlzeiten täglich, stets super-lecker!

Lene selbst wuselte immer irgendwo herum, fand überall Arbeit und war sich zu nichts zu schade. So putzte sie alle 2-3 Stunden höchst selbst die drei Toiletten im Toilettenwagen, der im Waldstreifen zwischen den Laufgeraden stand und so von beiden Seiten zugänglich war. Damit hatten wir nicht nur anständige Toiletten (statt der üblichen Dixis), sondern auch stets saubere! Und dabei sogar kleine Waschbecken mit fließendem Wasser! Das grenzte an Luxus!

Und nachts war die gesamte Laufstrecke natürlich ausgeleuchtet! Zwar nicht allzu üppig, aber absolut ausreichend und zweckmäßig, und vor allem: ohne irgendwo zu blenden. Hierzu hatten Kim und Steen Komstedt stundenlang rund 1,5 km Kabel verlegt und die dazugehörigen Lampen in die Bäume montiert.

Nach 13:52:31 h hatte ich 97 Runden und damit 100,104 km in den Beinen und mich damit zugleich von anfangs Rang 10 inzwischen auf Rang 7 verbessert.

Inzwischen hatten wir bereits zweimal – nach 6 und nach 12 Stunden – die Laufrichtung geändert, liefen also wieder im Gegenuhrzeigersinn, also den Asphaltweg hinauf und den Waldweg hinab. In beiden Richtungen hatten Christine und ich kleine Abschnitte definiert (sinnvollerweise die steileren), die wir fast immer gingen, während der Rest der Runde ruhig gelaufen wurde.

Auch wenn ich ihr bereits diverse Runden (= Kilometer) voraus war, so liefen Christine und ich immer wieder einzelne Abschnitte oder ganze Runden zusammen, ehe ich mich wieder absetzte.

Als morgens um 8.30 Uhr, also für uns nach 20:30 h, die Marathonläufer zu ihrem zweiten Einsatz an der Strecke bzw. im Verpflegungszelt erschienen, wurden wir Ultras zunächst mit kleinen „La Olas“ gefeiert und auch später auf der Strecke immer wieder nett angefeuert.

Mein Vorteil dabei war, dass ich mit Jesper Hahn Jensen, Mogens Pedersen, Stephan Grabow, Jesper Elfving, Henrik Jespersen, Vagn Kirkelund, Anders Munch Madsen, Tor Rønnow und Gurli Hansen einen großen Teil dieses Feldes kannte, teils von Läufen in Hamburg und Jütland, teils (Henrik und Gurli) von meinen Läufen auf Christiansø und Bornholm her. So hatte ich gleich noch mehr Support durch diese bunte und lustige Truppe.

Gegen Ende dieses letzten Viertels von Tag 1 wurde es zunehmend schwerer, dem Schlafmangel zu widerstehen. Immer wieder musste ich mich durch die Marathon- oder andere Läufer ablenken, um nicht einzuschlafen. Andererseits hatte ich die 100-Meilen-Marke zwar vor Augen, aber noch nicht zu 100 Prozent sicher. Nach gut 23 Stunden war ich dann doch so müde, dass ich mich zehn Minuten hinlegte und trotz der Musik aus dem benachbarten Versorgungszelt ein paar Minuten schlief, ehe ich den ersten Tag dann mit 164,088 km (nur Distanz aus vollständigen Runden) beendete.

Christine hatte nur rund 20 km weniger, damit immerhin rund 144 km, vorgelegt!

Tag 2 – Montag, 14.06.2010, 12.00 h – Dienstag 15.06.2010, 12.00 h:

Zu Beginn von Tag 2 stand erst einmal Regeneration und Pflege an: So gab es für uns ein leckeres Mittagessen, zu dem ich mich am Tisch neben meinem Zelt niederließ. Außerdem gönnte ich mir einen Toilettenbesuch und schmierte alle wichtigen Stellen an den Füßen, unter den Armen und im Schritt mit reichlich Melkfett nach. Und schließlich versuchte ich, noch ein paar Minuten zu schlummern.

Die anhaltende Müdigkeit war das eine, kleinere Problem an diesem Tag 2. Viel gravierender entwickelte sich jedoch Problem Nr. 2, das bereits während der Morgenstunden, also noch am Ende von Tag 1, begonnen hatte: An der linken Hälfte meines Gaumens hatte sich nämlich während des Tages eine gut pflaumengroße Struktur gebildet, die sich als Abszess unbekannter Ursache (Nebenhöhle? Zahnwurzel?) erwies. Sie war prallelastisch und ziemlich druckschmerzhaft. Damit konnte ich keine harten Sachen wie Brotkrusten mehr kauen. Außerdem kostete mich diese Infektion erkennbar Leistung, fror ich plötzlich, obgleich es doch nicht kälter war als am Vortag.

Fieber hatte ich keines (sonst hätte ich den Lauf abbrechen müssen), aber dennoch war mir klar, dass ich umgehend ein Antibiotikum brauchte. Nur wie sollte ich daran kommen? Irgendwann am späten Nachmittag erschien Christines Mann mit dem einzigen Breitbandantibiotikum aus der Schroeder’schen Reiseapotheke, doch das war leider Ciprofloxacin 500, das sich mit Laufen wegen der Gefahr von Sehnenschäden nun gar nicht verträgt…

Notgedrungen musste ich mein Lauftempo drosseln, versuchte ich mich während längerer Gehphasen zu erholen.

Nach 1:09:06:08 d (= 33:06:08 h) hatte ich endlich die 200,208 km hinter mir. Natürlich versuchte ich noch, wenigstens 95 km an diesem Tag 2 zuschaffen und damit meine 48-Stunden-PB doch noch zu knacken, doch dies ging einfach nicht.

Am Ende schaffte ich an Tag 2 ganze 80,496 km, was einen Gesamtstand von 244,584 km (immer noch mein drittbestes 48-h-Ergebnis) bedeutete.

Für Christine war dieser 2. Tag deutlich besser, kurzweiliger und erfreulicher: Sie lieferte sich zusammen mit Barbara Becker (bisherige PB: 503 km) und der australischen Weltklasseläuferin Sarah Barnett einen lebhaften Dreikampf um die Führung in der Frauenwertung: Wann immer die jeweils führende Frau eine kleine Pause einlegte, konnte sie sicher sein, bei ihrer Rückkehr nur noch Zweite oder Dritte zu sein.

Tag 3 – Dienstag, 15.06.2010, 12.00 h – Mittwoch, 16.06.2010, 12.00 h:

Nachdem es mir auch über den Veranstalter nicht gelungen war, zum Ende von Tag 2 eines der drei in Frage kommenden Antibiotika zu bekommen (klar: die Sachen sind rezeptpflichtig, und ich hatte dummerweise keine Rezepte mit!), machten Christine und ich einen erneuten gemeinsamen Versuch und konnten ihren Mann tatsächlich dazu bewegen, dass er mit seinem Arztausweis bei der einzigen Apotheke in Rønne Azithromycin 500 besorgte, so dass ich dieses dann am späten Dienstagnachmittag endlich bekam und einnehmen konnte.

Nun musste dieses nur noch wirken…!

Meine Leistungen blieben weiterhin sehr bescheiden: Bis Mitternacht, also der 60-Stunden-Marke, hatte ich gerade einmal weitere 44 km geschafft, insgesamt also 288,960 km. Und dies, obgleich ich nach wie vor versuchte, so wenige und kurze Schlafpausen wie möglich einzulegen und so viel wie möglich zu marschieren.

Inzwischen hatte mich Christine übrigens eingeholt und überholt, hatte sie nach 60 Stunden genau eine Runde Vorsprung (also 289,992 km).

Als es nachts dann auch wieder verflixt kalt wurde, so um die 5 °C herum, musste ich langsam aber sicher alle Laufklamotten, die ich mit hatte, gleichzeitig anziehen: zwei dicke langärmlige Funktionsshirts, eine Weste, eine mitteldicke Jacke und eine dünne Windjacke.

Zum Schlafen ging ich nachts in das rund 30 Meter entfernte große Schlafzelt, das der Veranstalter mit rund 20 Betten und richtigen Matratzen ausgestattet hatte. Doch auch hier war es mit Wolldecke und Überlebensfolie ziemlich kalt, so dass ich nachts mehrfach aufwachte.

Um Viertel vor sechs morgens, genauer: nach 2:17:44:20 d (= 65:44:20 h), hatte ich endlich die 300,312 km geschafft und damit immerhin die erste PB dieser Woche gesichert, lag meine bisherige 72-Stunden-PB doch bislang irgendwo bei 286 km.

Trotzdem lag ich da bereits fast zwei Stunden hinter Christine zurück, denn die hatte die 300 km bereits knapp unter 64 Stunden passiert.

In den nachfolgenden 6 ¼ Stunden schaffte ich dann mit Wandern und Pausen weitere 23,7 km, so dass ich Tag 3 endlich mit 79,464 km bzw. 324,048 km gesamt beendete.

Christine hatte indessen bereits 332,304 km zu Buche stehen und zeigte immer noch keinerlei Schwächen oder Probleme.

Tag 4 – Mittwoch, 16.06.2010, 12.00 h – Donnerstag, 17.06.2010, 12.00 h:

Bereits an Tag 3 und noch mehr an Tag 4 stellten nicht nur Christine und ich uns immer wieder die Frage nach dem Sinn bzw. Unsinn unseres Unternehmens. Eigentlich konnte niemand irgendeinen Sinn oder Nutzen in unserem 6-Tage-Herumgerenne bzw. inzwischen –Herumgewandere sehen. Lediglich Sarah Barnett, die nette Australierin, die inzwischen die Frauenwertung zu dominieren begann, murmelte irgendetwas von „transformation“.

Wir wanderten stundenlang zusammen, freundeten uns dabei auch immer mehr mit Barbara und Karl-Heinz Becker (Dorsten) sowie Jürgen Schmicker (Waldniel) an.

Karl-Heinz gönnte sich den Luxus, jeweils zu den interessanten Fußball-WM-Spielen in das von beiden angemietete Zimmer zu verschwinden und ebenso des Nachts dort in Ruhe zu übernachten. Mal kam er morgens gegen 4 Uhr, mal auch erst später mit dem Auto wieder zur Laufstrecke zurück. Trotzdem sollte er am Ende 407,460 km schaffen.

Barbara und Christine verstanden sich blendend, wanderten stundenlang klönend über die Strecke und erwiesen sich auch beide als ausgesprochene Nachtwanderer, die die zwar kalten, aber ruhigen bis einsamen Stunden in der zweiten Nachthälfte regelrecht zu lieben schienen.

Als ich dagegen in der vierten Nacht irgendwann feststellte, dass außer diesen beiden und mir nur noch ein Teilnehmer unterwegs war und der auch irgendwann ins Bett verschwand, konnte ich diesem Beispiel nur schnell folgen.

In dieser vierten Nacht gönnte ich mir auch erstmals wieder 3 Stunden Schlaf am Stück, nämlich von 0.30 – 3.30 Uhr, und damit genau bis zum Beginn des Hellwerdens. Dies schien sich zu bewähren, denn danach ging es mir am Morgen gleich wieder etwas besser.

Vielleicht wirkte aber auch nur langsam mein Antibiotikum.

Tag 4 beendete ich mit 67,080 km bzw. 391,128 km, Christine mit 422,088 km.

Die 600 km als Endziel hatte ich inzwischen aufgegeben (209 km in den letzten 48 Stunden erschienen mir zu unrealistisch), was mir, als ich mich endlich dazu durchgerungen hatte, eine gewisse Erleichterung verschaffte. Ab jetzt hatte ich nur noch ein möglichst gutes 500er Ergebnis zu verteidigen.

Christine indessen hatte noch Chancen auf die 600 km, auch wenn sie die letzten beiden Tage würde kämpfen müssen…

Tag 5 – Donnerstag, 17.06.2010, 12.00 h – Freitag, 18.06.2010, 12.00 h:

Mit Beginn von Tag 5 begann der Umschwung. Zunächst einmal bekamen wir Gesellschaft, nämlich in Gestalt von zehn Läufern und einer Läuferin, die die 48 Stunden in Angriff nahmen. Diese elf fügten sich von Anfang an ziemlich harmonisch in unser Feld der 6-Tage-Läufer ein, liefen zumeist recht vorsichtig an.

Zu meiner Überraschung musste ich feststellen, dass ich – nachdem ich mich am Vortag selbst beim Marschieren gequält hatte – nun plötzlich wieder richtig laufen konnte!

So lief ich zunächst kleinere Abschnitte, später gleich mehrere Runden zusammen mit unserem schwedischen Freund Stefan Samuelsson, der Anfang August das 240-km-Trailevent „Gax trans scania“ mit Start und Ziel in Malmö veranstalten wird. Er berichtete, dass er ursprünglich nur 10 Teilnehmer bei seinem Event hatte zulassen wollen, derzeit jedoch bereits 37 bezahlte Anmeldungen vorliegen habe.

Auch mit seinen beiden schwedischen Freunden Zingo Andersen und Carl-Johann Robertsson verstand ich mich sehr gut, ebenso auch mit Eeva Valtonen, der einzigen 48-Stunden-Läuferin. Sie kommt aus Helsinki und hat ebenso wie ich Ende Januar 2010 in Espoo am 24-Stunden-Indoor-Lauf teilgenommen.

War es endlich die Wirkung des Antibiotikums und das Ende des aktiven Infektes in mir oder war es einfach die neue Gesellschaft, jedenfalls lief es ganz plötzlich wieder bei mir!

Ich lief Runde um Runde und begann, wieder richtig fleißig Kilometer zu sammeln! Whow!

Christine, die ja immerhin bereits 30 Runden Vorsprung auf mich gehabt hatte, kündigte ich an, dass ich sie jetzt jagen wollte. Schließlich hatte sie mir schon am 3. und 4. Tag prophezeit, dass ich versuchen würde, ihren Vorsprung wieder zu egalisieren, und diese Zeit schien nun gekommen.

Vor allem im zweiten Viertel dieses Tages, als wir im Uhrzeigersinn liefen, also den Waldweg hinauf und den Asphaltweg hinunter, was mir signifikant besser gefiel, war ich kaum noch zu halten und lief ich immer wieder dicht an mein Lauftempo des ersten Tages heran!

Und bis Mitternacht hatte ich in den ersten 12 Stunden dieses 5. Tages bereits 68,112 km geschafft (also mehr als am gesamten Tag 4!), womit ich mich Christine, die auch recht fleißig unterwegs war, immerhin bis auf zwei Runden genähert hatte.

Nach dem Richtungswechsel um Mitternacht lief ich noch 2-3 Runden, ehe ich mich wie geplant zur Schlafpause zurückzog, die – das hatte sich ja in der Vornacht bewährt – wieder von ca. 0.30 – 3.30 Uhr dauern sollte und auch dauerte.

Als ich gegen 3.35 Uhr wieder auf der Strecke erschien, hatte Christine inzwischen wieder richtig gut Strecke vorgelegt und ihren Vorsprung bereits wieder auf 14 Runden ausgebaut. So behauptete sie weiterhin Gesamtrang 8 vor mir, der ich nun Gesamt-Neunter war. Prima, sie leistete Widerstand!

Diesen Morgen staunten die Marathonläufer nicht schlecht, als sie gegen 8.00 Uhr im Versorgungszelt erschienen und um 8.30 Uhr starteten: Ich lief immer noch auf ziemlich gutem Niveau und war im Vergleich zum Vortag nicht wiederzuerkennen.

Christine, die inzwischen in der Frauenwertung seit Ende des 3. Tages den zweiten Platz innehatte und diesen zunehmend absicherte, erreichte die 500-km-Marke als erste. Mit 4:22:08:35 d (= 118:08:35 h) hat sie für die 500,520 km eindeutig eine bessere PB stehen als ich, der ich diese Marke erst nach 4:22:47:53 d (= 118:47:53 h), also 39:18 min später erreichte.

Da sie allerdings gerade nach diesen 500 km wieder eine Schlafpause einlegte (sie schlief gern tagsüber, zum Beispiel während die Marathonläufer auf der Strecke waren), konnte ich sie genau hier überholen und erstmals seit Tagen wieder Platz 1 unter den deutschen Teilnehmern zurückerobern.

Am Ende von Tag 5 hatte ich 507,744 km bzw. 116,616 km für diesen 5. Tag zu Buche stehen. Damit hatte ich mich von Platz 12 nach Tag 3 bzw. Platz 11 nach Tag 4 bereits wieder auf Gesamtrang 7 hochgearbeitet.

Christine folgte mit 502,584 km auf Gesamtrang 8 und war weiterhin zweite Frau!

Tag 6 – Freitag, 18.06.2010, 12.00 h – Samstag, 19.06.2010, 12.00 h:

Tag 6 versprach also spannend zu werden. Sollte ich mich tatsächlich wieder in die Reichweite der 600-km-Marke gelaufen haben? Würde dieser letzte Tag halten, was der vorletzte versprochen hatte? Oder würden meine Blasen unter beiden Fußballen, die mich seit der fünften Nacht spürbar verfolgten und insbesondere beim Wieder-Anlaufen nach Pausen böse quälten bzw. mich während der Schlafpause dieser fünften Nacht zunächst gar nicht hatten in den Schlaf finden lassen, die 600 km verhindern?

Ich wusste, dass ich mich nicht wie bei Tag 5 auf die letzten Stunden verlassen durfte, sondern die Entscheidung sehr viel früher würde vorbereiten müssen.

Trotz der Unruhe und Hektik sowie teilweise in den wenigen schmalen Wegpassagen auch des Gedränges, die die inzwischen neu hinzugekommenen 24-Stunden-Läufer verbreiteten, versuchte ich, mein bewährtes Tempo von Tag 5 wieder aufzunehmen und dann aufrechtzuerhalten, um bis Mitternacht deutlich über 550 km zu kommen. Danach würde schließlich die letzte 3-Stunden-Schlafpause folgen, und die sollte und wollte ich bis dahin bereits deutlich herausgelaufen haben.

Wichtig war in dieser Phase natürlich auch die ausreichenden Energie- und Flüssigkeitszufuhr, wobei ich an diesem Abend neben Kakao und Apfelsaft nun auch zunehmend Cola trank.

Die 550,056 km hatte ich gegen 19.32 Uhr (= nach 127:32:09 h) geschafft. Wenn ich nun noch 4-5 Stunden weiterliefe, könnte ich bis zur Schlafpause über 570 km stehen haben…

Tatsächlich reichte die Anspannung und Energie ziemlich genau bis 570 km. Danach kehrte schlagartig die große Müdigkeit ein, so dass ich noch zwei langsame Runden drauflegte und dann gegen 23.40 Uhr beschloss, mit 572 km auf der Uhr vorzeitig ins Bett zu gehen.

Wie bereits bei einer kurzen 15-Minuten-Pause am frühen Abend, als ich „nur mal kurz“ die brennenden Füße hochlegen wollte, musste ich im Schlafzelt erst einmal meine Fleecedecke von Klaus Egedesø (Horsens) zurückerobern. Der war eigentlich 24-Stunden-Läufer und dabei sogar Teilnehmer an der DM (= Dänischen Meisterschaft!), hatte sich jedoch für den größten Teil des Abends und der Nacht ins Schlafzelt verzogen, wo er mangels eigener warmer Sachen die nahm, die die anderen gerade nicht benötigten.

Diesmal hatte ich sogar meinen dünnen Sommerschlafsack zusätzlich ins Schlafzelt mitgenommen, so dass ich – in voller Bekleidung und mit Schlafsack, Decke und Alufolie – sogar erstmals nachts leicht schwitzte.

Obwohl ich ziemlich gut geschlafen hatte, war ich beim Aufstehen morgens um 3.30 Uhr ausgesprochen müde und gerädert. Und irgendwie kam ich auch nicht wirklich gut in Schwung. Ich mühte mich über die folgenden Runden, und auch die Marathonläufer, die an diesem letzten Morgen bereits um 6.00 Uhr statt sonst üblich um 8.30 Uhr mitliefen (diesmal zum einzigen Mal mit Zeitlimit, nämlich 6 Stunden bis zum allgemeinen Schluss), mochten mich nicht wirklich mitzureißen.

So legte ich mich zwischen 7 und 8 Uhr (inzwischen war es dank der Morgensonne spürbar wärmer) noch einmal für eine Schlafstunde hin…

Um 9.40 Uhr, d. h. nach 5:21:40:16 d = 141:40:16 h, war es geschafft, hatte ich mit 600,624 km endlich die 600-km-Marke passiert und mein Traumziel erreicht!

Mit der nun folgenden Runde verbesserte ich mich von Gesamtrang 7 auf 6, weil der lange Zeit zweitplatzierte Däne Christian Frimann (Team Alslev) wegen erheblicher Shin-splints bei ebendiesen 600,624 km bereits lange vorzeitig sein Rennen beendet hatte.

Außer mir hatten ziemlich zur selben Zeit auch die beiden Dänen Steen Michelsen (Spar Nord Kolding) und Ole Albertsen (Team Saekker) die 600 km geknackt, wobei Steen danach einen gewaltigen Endspurt hinlegte und am Ende mit 627,465 km 4. Gesamt und 3. Mann wurde, während Ole aufgrund einer Pause eine Zeitlang sogar eine Runde hinter mir lag. Als er dann jedoch 40 Minuten vor Schluss anzog, versuchte ich zwar zwei Runden lang dagegen zu halten, musste aber einsehen, dass ich im Endspurt gegen einen 3:30-h-Marathonläufer nichts ausrichten konnte.

Die letzten Runden absolvierten Christine, Barbara Becker und ich gemeinsam. Nach all diesen langen Tagen und Nächten hatten wir es geschafft!

Christine hatte inzwischen noch die Bestleistungen so bekannter Läuferinnen wie Heike Pawzik (581,315 km), Susanne Mahlstedt (557,780 km), Ruth Jäger (556,949 km), Sigrid Eichner (555,224 km) und Elke Streicher (554,890 km) hinter sich gelassen. (Dass sie die frische PB von Dagmar Liszewitz von Athen, nämlich 588,0 km, noch in Reichweite hatte, aber nicht mehr angriff, störte niemanden.)

Als das Rennen beendet wurde hatten wir folgende neue Bestleistungen geschafft: ich 613,031 km (also an Tag 6 immerhin noch 105,287 km), Christine 587,231 km und Barbara 573,815 km (bisher: 503 km).

Auch die vier anderen Deutschen konnten neue PBs verbuchen: Jutta Jöhring mit 562,622 km, Jürgen Schmicker mit 520,310 km, Werner Gleissner mit 506,243 km und Karl-Heinz Becker mit 407,640 km.

Siegerehrung und Heimreise:

Nach den ersten Umarmungen meiner Mitstreiterinnen zog es mich erst einmal ins Schlafzelt, wo ich eine volle Stunde im Tiefschlaf verbrachte. Erst danach humpelte ich zu meinem Zelt und von dort zum Campingplatz zum kaum 150 Meter entfernten Duschgebäude. Hatten die Blasen unter den Füßen eigentlich vorher (= während des Laufes) auch schon so heftig geschmerzt?

Immerhin brauchte ich nicht wie Werner einen Plastikstuhl, um duschen zu können.

Als ich das Gebäude verließ, hatte direkt davor gerade die Siegerehrung der 6-Tage-Läufer begonnen. So konnte ich mich gleich einreihen und erhielt von Kim und Lene meine Urkunde sowie eine kleine Läuferfigur auf einem Plexiglassockel.

Nach den gesammelten Siegerehrungen, die erfreulicherweise ziemlich zügig vonstatten gingen, folgte ein letztes tolles Essen, diesmal als Büffet mit reichhaltigem Fleischangebot frisch vom Grill. Klar, dass wir da noch einmal richtig zulangten.

Christine, ihr Mann und ich saßen mit den drei Finnen – Eeva Valtronen (mit 234,264 km Frauensiegerin 48 Stunden), Aku Kopakkala (mit 367,392 km 17. Mann, vorzeitig wegen Shin-splint ausgestiegen) und Miikka Bäckström (mit 503,616 km 11. Mann) – zusammen an einem Tisch, wobei Eeva spontan für alle noch zwei Flaschen Rotwein spendierte.

Als plötzlich dunkle Wolken aufzogen, eilte ich zu meinem Zelt in der Hoffnung, die Taschen und das Zelt selbst noch vor einem eventuellen Regenguss verpackt und in Sicherheit zu haben. Der Regen war indessen schneller und erwischte mich, als ich gerade alle Taschen gepackt hatte und das Zelt abbauen wollte.

So wickelte ich mich in meine Fleecedecke und war im Nu wieder eingeschlafen. Als ich nach gut drei Stunden wieder wach wurde, war veranstalterseitig alles abgebaut und außer mir und meinem Zelt niemand und nichts mehr an der Laufstrecke vor Ort.

Glücklicherweise traf ich wenig später, als das Zelt fast verpackt war, auf Anders Munch Madsen und seine Frau, die mich freundlicherweise mit ihrem Auto zum Fährterminal in Rønne brachten.

Hier legte ich mich in der ersten Etage für weitere zwei Stunden auf den Teppichboden bzw. meine Isomatte und Decke. Als ich wieder wach wurde, hatte die MF Dueodde inzwischen angelegt, und ich konnte an Bord gehen, wo ich im Salon gleich auf Ole Albertsen traf, der in 614,438 km ja den Platz vor mir belegt hatte.

Nach einem kleinen Imbiss war ich bereits gegen 22.30 Uhr schon wieder auf „Matratzenhorchdienst“ und schlief prima bis kurz vor sechs Uhr morgens durch.

In Køge nutzte ich die Möglichkeit, auch nach dem Anlegen der MF Dueodde noch gemütlich im Bordbistro zu frühstücken, ehe ich zu meinem Auto ging und entspannt gen Hamburg aufzubrechen. Hier traf ich gegen 11.30 Uhr stressfrei ein.

Was für eine Woche, was für ein Lauf, was für ein Erlebnis und Ergebnis...!

23.6.10 01:09

Letzte Einträge: 4. Horizontweg Marathon wahrscheinlich erst im November 2016, M/U # 2396 – Hamburg (Teichwiesen) – Joachim Löw Marathon am 03.02.2016 – Ergebnisse, Hamburg - Lessingtunnel in Altona soll 2016-2018 erneuert werden, altes Foto von 2011

bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL